Buchempfehlung "Phänomen Honigbiene" von Prof. Dr. Tautz, beegroup Würzburg

Erscheint am 20. März und wird von Imkerbund.org e.V. empfohlen: "Phänomen Honigbiene" von Prof. Dr. Tautz und Helga R. Heilmann, beegroup Würzburg (openPR) - Für einen Imker ist jedes Jahr bei den Bienen wieder etwas neues, kein Jahr gleicht dem anderen und auch das macht die Imkerei so interessant. Eine meiner Grundlagen war ein Buch, das mir als Junge von etwa 10 Jahren in die Hände fiel und mich in die Welt der Bienen, Ameisen und Termiten einführte. Der Klassiker aus der Reihe "Was ist was", immer wieder las ich das Buch und war von dieser Welt im Kleinen fasziniert. Unter anderem dieses Buch legte seinerzeit den Keim für die bis heute andauernde Liebe zu den Bienen. Jetzt, mehr als 25 Jahre später, hatte ich wieder so ein Erlebnis als das neue Buch von Prof. Dr. Jürgen Tautz und Helga Heilmann, Beegroup Würzburg, mit dem Titel "Phänomen Honigbiene" auf meinem Schreibtisch landete. Das Buch erklärt nicht zum xten Mal die Imkerei oder führt in diese ein, es beschäftigt sich ziemlich ausschließlich mit der Honigbiene als einem Phänomen in der Natur. Und dieses Phänomen hat es in sich. Gegliedert in zehn Kapitel, erklärt das Buch die Honigbiene als ein Erfolgsmodell der Evolution, das sich mit Eigenschaften entwickelte wie sie sonst nur von den Säugetieren bekannt sind. Es stellt auch für den Nicht-Biologen und Nicht-Imker auf leicht nachvollziehbare Weise dar, wie sich die Biene in der Evolution entwickelt hat, wie sich im Superorganismus Bien Eigenschaften finden, die es bei der Einzelbiene nicht gibt und welche (nicht nur imkerliche) Bedeutung diese Eigenschaften haben.

Die Kommunikation der Honigbienen und die Wahrnehmung der Umwelt
Hochinteressant ist das Kapitel über die Kommunikation der Bienen, die sich nicht nur auf die Tänze der Bienen auf der Wabe erstreckt, sondern auch außen im Feld weiter funktioniert. So geleiten alte erfahrene Pfadfinderbienen die noch uninformierten Bienen zu einer neuen Trachtquelle und kommen gemeinsam mit diesen jungen Kolleginnen an der neuen Trachtquelle an. Dabei stützen sich die Honigbienen auf ihre eigenen Sinnesorgane, die es ihnen erlauben, die unterschiedlichen Farben, Formen und Gerüche der Blüten wahrzunehmen und einzuschätzen. Aber auch die Gedächtnisleistung der Bienen ist beachtlich, manche Blüten geben Nektar und Pollen zu unterschiedlichen Tageszeiten ab. Bienen merken sich das und erinnern sich daran. Tautz analysiert und erklärt in seinem Buch die Fähigkeit der Bienen:

Blüten als solche zu erkennen

Verschiedene Blüten zu unterscheiden

Den Zustand der Blüten zu erfassen

Wissen, wie man die Blüten effektiv mit Beinen und Mundkwerkzeugen bearbeitet

Die geographische Lage der Blüten in der Landschaft zu bestimmen

Die tageszeitlichen Fenster bestimmen, in denen unterschiedliche Blüten in ihrer Nektarproduktion ergiebig sind

Diese ganzen Erfahrungen den anderen Bienen mitzuteilen

Erfahrungen anderer Bienen verstehen und entsprechend umsetzen zu können

Bienen sind darüberhinaus lernfähig und können gemachte Erfahrungen auf neue Situationen übertragen, sie sind in der Lage, Zuordnungen in Form von „rechts“ und „links“, „symmetrisch“ und „asymmetrisch“ sowie „gleich“ und „ungleich“ zu machen. Sogar zwischen „mehr“ und „weniger“ können sie unterscheiden und vorausplanen.

Die Bienenwabe – ein Organ des Superorganismus Bienenvolk
Die Rolle des Wabenbaus als eine Art Telefonnetz im Bienenvolk, quasi auch als Organ des Biens, ist ebenso herausragend. Der Wabenbau dient nicht nur als Tanzboden eines Bienenballetts an Schwänzel –und Rundtänzen, sondern funktioniert auch als Resonanzboden für die auch durch Vibrationen und Schwingungen übermittelten Informationen der Arbeitsbienen. Faszinierend dabei wie das Hintergrundrauschen zehntausender gleichfalls anwesender Bienen eliminiert wird und die gewünschte Information trotzdem bei den zuständigen Stockkolleginnen ankommt. Damit die Informationen übermittelt werden können, wird ständig das Leitungsnetz gewartet, denn die Leistung der Leitung – sprich Bienenwabe – ist abhängig von der Temperatur und funktioniert optimal bei 34°C. Wird es wärmer, verändern sich die Eigenschaften des Bienenwachses und der Informationsfluß kann behindert werden. Um dem zu entgegnen, mischt die Honigbiene winzige Mengen Propolis bei und schon stimmt die Frequenz der Nachrichtenübermittlung wieder. Dieses Telefonnetz entsteht aus den acht Wachsdrüsen, die an der Bauchseite der Biene paarig angeordnet sind. 100 Gramm Bienenwachs reichen für 8000 Zellen. Für 100 Gramm Wachs sind 125.000 Wachsplättchen nötig – eine gewaltige Leistung des Bienenvolkes. Ein weiteres Rätsel wird auch gelüftet, wie das regelmäßige Sechseck des Wabenbaus entsteht und wie die Wärmeleistung der Biene den Wachsfluß steuert, so daß das Sechseck sich fast von allein ergibt. Dabei hat die Bienenwabe im Superorganismus Bienenvolk folgende Funktionen:

Schutzraum Produktionsstätte

Speicherplatz für Honig

Speicherplatz für Pollen

Nachwuchsbrutstätte

Telefonfestnetz

Informationsspeicher

Staatenflagge

Erste Verteidigungslinie gegen Krankheitserreger

Die weiteren Kapitel des Buches beschäftigen sich mit der Quasi-Unsterblichkeit einer sich immer wieder erneuernden Bienenkolonie und zeigen auf, wie auch das dieser Spezies zum Erfolg verhalf. Auffällig ist nämlich, daß es nur sehr wenige Honigbienenarten gibt und trotzdem sind sie überall prägend für die Umwelt, vergleichbar nur noch mit dem Menschen. Bienen setzen dem Säugetierprodukt Muttermilch das eigene Produkt Schwesternmilch entgegen und kümmern sich so effektiv um die eigene Nachkommenschaft, die wiederum eigentlich nicht eigene Nachkommenschaft ist, sondern einem höchst komplexen Mechanismus unterliegt. So verzichten die mehr oder weniger unfruchtbaren Arbeiterinnen auf eigene Nachkommen, aber über Umwege erhalten sich deren Gene doch. Sehr interessant auch das Kaiptel Fortpflanzung und Paarung der Bienenköniginnen, das so anders abläuft als man es sonst im Tierreich kennt. Sieht man wie der Autor das Bienenvolk als Superorganismus, dann kommt den Drohnen die Funktion fliegenden Spermas zu und wie dieses zu seinem Ziel, der Befruchtung der Eier einer jungen Bienenkönigin kommt, geht unter bemerkenswerten Begleitumständen vonstatten. Bei der Paarung stirbt der Drohn, es kommt zu einer Art Lustselbstmord mit Platzen des Hinterleibs und dem sofortigen Tod des Bienenmännchens. Dabei bleibt ein Teil des Begattungsorgans des Drohns hängen, der noch im Flug wieder von den Nachfolgern entfernt wird. Dieses Stück Endophallus hat Signalwirkung und leitet die nachfolgenden Drohnen zur weiterhin paarungsbereiten Jungkönigin. Die Jungkönigin bricht übrigens nicht allein zum Hochzeitsflug auf, sondern wird von einem Trupp Brautjungfern begleitet, der sie auch wieder zurück bringt. Damit verhindert das Bienenvolk den Verlust der jungen Königin durch Feinde.

Für den Imker gibt es einige neue Antworten auf fachliche Fragen. Geklärt wird u.a., warum es zwangsläufig Verluste bei der Belegstellenbegattung der jungen Königinnen gibt oder weshalb auf einigen Waben Lücken zwischen Rähmchen und Wabenrand auftauchen. Abgerundet wird das Werk aus der Beegroup von Jürgen Tautz mit zahlreichen und gut erklärenden Bildern der Fotografin Helga Heilmann.

Selbst als langjähriger Imker versteht man die Bienen nach diesem Buch besser und nähert sich ihnen mit noch größerer Hochachtung und Faszination. Im Buch spricht aus jeder Zeile die Faszination und Liebe der Autoren für die Biene, die in vielerlei Hinsicht Antworten auf Fragen liefert, die manchmal noch gestellt werden müssen. Das Buch schließt mit einem Hinweis, daß die Unterstützung und der Erhalt der Biene letztendlich unserem eigenen Erhalt dient. Man muß kein Imker sein, um nach der Lektüre dieses spannenden Buches zu erkennen, wie wichtig der Erhalt der Biene für uns alle ist. Es gibt Werte, die sich nicht in Euro und Cent bemessen lassen und trotzdem nicht hoch genug einzuschätzen sind. Das Wissen um die Biene zählt dazu und Jürgen Tautz und Helga Heilmann haben dieses Wissen wieder erweitert.

Für mich persönlich bestätigt dieses Buch die Einschätzung, daß mit den Honigbienen falsch umgegangen wird. Nicht so sehr von imkerlicher Seite, da muß man auch die eine oder andere Konsequenz ziehen, aber solche Konsequenzen ergeben sich immer nach der Gewinnung neuer Erkenntnisse – nein, es geht vielmehr um die Biene als solches und ihre Bedeutung für die Natur. Diese wunderbaren und komplexen Zusammenhänge wie Tautz sie aufzeigt und erklärt, und die wiederum selber neue Fragen aufwerfen, sind noch lange, lange nicht endgültig erklärt und wir kennen die Konsequenzen gar nicht, die sich dermaleinst daraus ergeben. Aber wir tun so, als ob die Biene und das ganze an ihr hängende Millionen Jahre alte Prinzip der Bestäubung der Blüte durch die Honigbiene (und ihre Verwandten) eine einfache Ressource ist, die man bedenkenlos ausbeuten kann und mit der man ohne Rücksicht auf Verluste agieren kann.

Weltweit gehen die Bienenbestände massiv zurück, aktuell wird ein katastrophales Bienenvölkersterben aus 22 US-Bundesstaaten gemeldet und dennoch tut sich nichts. Die moderne Form der Landwirtschaft mit ihren riesigen Monokulturen, ihrem Masseneinsatz von Pestiziden und Düngemitteln, immer raffinierteren Techniken und letztendlich in ihrer pervesesten Form der Grünen Gentechnik nimmt als Kollateralschaden die Vernichtung der Existenzgrundlagen blütenbestäubender Insekten wie eben Honig- und Wildbienen bis hin zu Schmetterlingen und Wespen in Kauf und führt höchstens zu Lippenbekenntnissen einiger Politiker auf Imkerversammlungen, daß die Biene wichtig ist. Der auf den ersten Blick höherwertige angebliche Fortschritt ist keiner, denn er steht nur unter der Forderung, immer größere Ernten und Gewinne unter immer geringeren Kosten produzieren zu müssen. Die langfristige Bilanz wird unter den Tisch gekehrt und so ist es legitim, daß Landwirte en passant die Bienen vergasen, vergiften, zerhäckseln und verhungern lassen können.

Schon jetzt gibt es allein im Sektor der nachwachsenden Rohstoffe nicht genug Bienen für die Bestäubung. Bei 1,6 Millionen ha Rapsanbau würden für eine gute Bestäubung etwa 6,2 Millionen Bienenvölker benötigt, es gibt aber nur noch etwa 500.000 Bienenvölker. Mit Bienen reift der Raps schneller und der Ölertrag ist höher.

Karl der Große hat einst in seinen Pfalzen die Bienenhaltung angeordnet, im Koran ist die Biene das einzig positiv erwähnte Tier, doch heutzutage ist das Wissen um die Notwendigkeit der Bienenhaltung in den Köpfen der Politiker degeneriert. Man sieht politischerseits die Biene als das Hobby einiger etwas spinnerter alter Rentner und streichelt bei Imkerversammlungen den anwesenden älteren Herren verbal übers Köpfchen und damit hat es sich. Honig kann man schließlich billig importieren, eine Freizeitbeschäftigung geht den Staat nichts an und das Bienenvolk gibt keine Steuererklärung ab und ist auch kein Wähler. Das Buch von Tautz sagt unter anderem aus, daß flächendeckend ein Besatz von Bienen gebraucht wird. Das heißt nicht, daß es möglichst viele Imker geben muß, sondern daß es mehr Bienenvölker geben muß. Und es heißt nicht, daß es wie bisher 80.000 Hobbyimker geben muß, sondern nur genug Imker, die sich um die notwendige Anzahl Bienenvölker kümmern. Ein normaler Erwerbsimkerbetrieb betreut zwischen 200 und 1000 Bienenvölker. Vielleicht zieht der Staat daraus endlich einmal die Konsequenz, in der Imkerei auch ein Arbeitsplatzpotential zu sehen und sich nicht wie bisher am Freizeitimkerverein zu orientieren.

Ich wünsche dem Buch viele Leser und zahlreiche Auflagen.

Phänomen Honigbiene, Tautz, Jürgen, ISBN: 978-3-8274-1845-6, 2007, ca. 288 Seiten, 180 farb. Abb., Geb. m. SU, € (D) 24,95 /€ (A) 25,70 / sFr 39,- , Erscheinungstermin: 21. 03. 2007

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